Sendung "Grenzenlos"

Ausgabe 31. März 2007 (56 Mb)

Unsere Hörer in Darmstadt möchten wir darauf hinweisen, dass es Vorträge zum Thema EU Integration, sowie Bulgarische Kunst und Musik am 21. April geben wird. Die Veranstaltung fängt um 15 Uhr in der Turnhalle der Bessunger Knabenschule an. Das ist neben der Haltestelle Weinbergstrasse. Ab 21 Uhr wird dort die Gruppe DRS+ spielen, die in den Städten Dobritch und Burgas sehr geliebt ist.

Die Sendung wurde in Karlsruhe mit 20 Minuten Verspätung ausgestrahtl, d.h. die letzten 20 Minuten wurden nicht gehört. Die Ausgabe wurde in Darmstadt nicht gesendet.

Missverständnisse bei der Einführung in Bulgarien des ökologischen Netzwerks der Europäischen Union

Mit der Eintritt Bulgariens in der EU werden auch die ehemaligen Naturschutzgebiete zu dem europäischen Netzwerk Natura 2000 eingeschlossen. Da sich die Regeln, was Naturschutzgebiet ist, etwas ändern, wird auch bisher nicht einbezogenes Privatgelände jetzt geschützt. Die Besitzer sind aber dagegen. Sie meinen in dieser Weise wäre es nicht mehr möglich die Fläche zu industrialisieren und Profit davon zu machen. Deswegen gibt es viele Proteste in Bulgarien.

Die Bedingungen, ob ein Stück Land in Natura 2000 kommt oder nicht, hängt aber nur davon ab, ob die Natur dort gut erhalten ist. D.h. es ist keine politische Frage, ob ein Waldstück zu der europäischen Naturnetzwerk kommen wird. Die ganze Problematik wird aber politisiert: Dort, wo die Natur gut ist, kann man eine Menge Natur zerstören, Hotels bauen und Geld von Touristen schnell verdienen. Und so an vielen Stellen. Damit dort Hotels entstehen können, dürfen aber die Grundstücke bebaut werden, d.h. müssen kein Teil von Natura 2000 sein. Kein Investor hat Interesse, wenn ihm verboten wird Geld in einer Weise zu verdienen. Deswegen werden die Bürger motiviert zu protestieren.

Welche Gebiete zur Einbindung in Natura 2000 vorgeschlagen werden, entscheidet letztendlich die Regierung. Die Untersuchung wurde aber zusammen mit Nichtregierungsorganisationen durchgeführt. Für einen Teil wurde es schon beschlossen, für anderer ist die Entscheidung für den Herbst verlegt. Bis dann haben die eiligen Kapitaleinleger die Möglichkeit Natur zu bebauen – hauptsächlich am Meerküste. Das freut natürlich die Umweltschutzer nicht, es stellt sich die Frage, ob die Entscheidungen der Regierung umgegangen werden kann. Wir haben uns mit der Frage an Frau Barbara Helfferich, Mitglied der Kommissariat für Umwelt bei der Europäischen Union gewendet.

Interview mit dem Komissariat für Umwelt der Europäischen Union, Frau Barbara Helfferich am Telefon

Protesten gab es auch vor zwei Wochen in Karlsruhe – gegen der Entscheidung der bulgarischen Regierung, erhaltene Naturgebiete auszuschließen. Am 18.März hat Greenpeace Karlsruhe die Bürger in der Fächerstadt über die Lage informiert. Es wurde ein kleines Theaterstück gespielt, wo die Natur von Geld süchtigen Leuten einfach vernichtet wurde. Das Ganze ist im Schlosspark Karlsruhe passiert – selbst Teil von Natura 2000. Die Aktion wurde als sehr erfolgreich bewertet und wird wiederholt.

Schwierigkeiten bei der Ausstellung von Visum für Bulgarien

Am 1. Januar 2007 hat Bulgrien Visa für die mazedonischen, serbischen Staatsangehörigen eingeführt. Die Visa werden kostenlos ausgestellt, über die Einzelheiten berichtet Martina Stojanowska

Warum dauert es 3 Monate, bis man überhaupt in der Botschaft kommt, wollten wir auch wissen. Die bulgarische Botschaft in Skopjie und das Ministerium der Äußere Sachen in Bulgarien wurden darüber gefragt. Im Gespräch mit der Botschaft wurde uns erklärt, dass solche Wartezeiten doch normal sind, und als die Bulgaren früher ein Visum für Deutschland beantragt haben, müssten die auch viel warten. Als weiterer Grund wurde die Unfähigkeit der Botschaft mehr Visa auszustellen erwähnt, es wird aber nicht gesagt wie die Unfähigkeit entstanden ist, und wie diese überwindet werden kann. Die Sprechzeiten von 2 Stunden am Tag, auch am Wochenende, sollten genug sein um viele Mazedoner zu bedienen. Nach 1.1 kommen aber durchschnittlich 80% Mazedoner weniger nach Bulgarien. Trotzdem müssen die Mazedorer zufrieden sein, weil die Visa ja nichts kostet. Wenn man mehr zum Thema wissen will, soll man sich an der Ministerium für Äußere Sachen in Bulgarien werden. Das haben wir auch gemacht.

Dort weiß man aber nicht, dass es 3 Monate Wartezeiten gibt, Wie sollten sie dann in der Lage sein, zu erklären, warum es diese 3 Monate überhaupt gibt? Des weiteren wird es nicht gesagt, wie viel Visa pro Tag von dort insgesamt genehmigt werden, mit der Begründung, dass die Information geheim ist. Und nicht zuletzt, die Mitarbeiterin wollte ihren Namen gar nicht sagen, weil die Leute dort ja mit Personaldaten arbeiten.

Bei Interesse stellen wir die Aufnahme in Bulgarischer Sprache gerne zur Verfügung. Auf Vorschläge, wie wir den Visaausstellungsprozess beschleunigen können, werden wir uns freuen.

Der Straßenbahnkontrolleur muss zur Arbeit

"Halt, Straßenbahn! Stop! Ich muss zur Arbeit!" - "He, Fahrer, anhalten, da will noch jemand mit." - "Puh, geschafft! Danke. So, die Fahrscheine bitte."

Wer in der bulgarischen Hauptstadt Sofia mit der einzigen Straßenbahn des Landes, mit dem O-Bus oder Bus fährt, sollte tunlichst vorher einen Fahrschein oder die Talon genannte Mehrfahrtenkarte am Kiosk gekauft haben. Auch auf die korrekte Entwertung mittels Neunloch-Knipser sollte Wert gelegt werden. Denn manchmal mangelt es den Busfahrern an Vorrat oder purer Lust, Billets im Fahrzeug zu verkaufen, und dann schnappt die Falle zu. Mit Weste und Ausweis ausgerüstet, erklimmen Kontrolleure das Verkehrsmittel. Auch nach jeder noch so lautstarken Auseinandersetzung zahlen Schwarzfahrer die 3 Euro Strafe, auf die Polizei wollte selbst ich mich nicht einlassen. Manchmal erwischt es auch unerfahrene Ausländer mit großem Reisegepäck, für welches ein zusätzlicher Fahrschein fällig gewesen wäre.

Im Rest des Landes, das mit 14 weiteren O-Busbetrieben ein kleines Mekka für Fans ist, sowie in den Marshrutka genannten privaten Kleinbussen gibt es dagegen Schaffner und Kondukteure. Bei ihnen wird der Fahrpreis zwischen 20 und 80 Cent direkt bezahlt.

Wer als Nicht-Einheimischer, zu allem Übel vielleicht sogar Ausländer, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln reisen will, ist fast verloren. Zwar wird fast jedes noch so abgelegene kleine Fleckchen relativ oft angefahren, viele Linien verkehren schon seit Jahrzehnten auf dem selben Linienweg, und manchmal sind auch die mit Pinsel an eine karge Säule gemalten Fahrzeiten noch nicht ganz verwittert oder überplakatiert. Aber einen Übersichtsplan oder gar Informationen im Internet sucht man vergebens. Wozu auch, sind doch scheinbar zumindest die Anwohner in solcherlei Geheimnisse eingeweiht. Und wenn sich die Sofioter Verkehrsbetriebe gnädig zeigen, spendieren sie auch schonmal eine Fahrplantafel mit der Angabe "Bus verkehrt alle 105 Minuten". Warten-Können ist eine wichtige Tugend für den Reisenden.

Das ist auch bei der Eisenbahn nicht anders. Verspätungen von einer bis über drei Stunden bei den wenigen internationalen Verbindungen nach Griechenland, Serbien, Rumänien und dem Nachtzug nach Istanbul sind keine Seltenheit. Das liegt wohl auch an den maroden Langsamfahrstellen, die auf über 20 DIN A4 Seiten im Internet abrufbar sind. Die in Deutschland selbst von Regionalzügen locker erreichten oder überschrittenen 130 km/h, die in Bulgarien theoretisch Maximalgeschwindigkeit sind, können fast nirgends erreicht werden. Außerdem sind, anders als bei uns üblich, fast keine inländischen Züge aufeinander abgestimmt. Umsteigen ist mit langen Wartezeiten verbunden, wenn überhaupt möglich.

Seit der Wende verliert die Staatsbahn BDZh viele Kunden an die schnelleren, wenn auch etwas teureren Überlandreisebusse. Könnte hier nicht ein angepasster integrierter Taktfahrplan nach schweizer Vorbild die Wende bringen? Wenn auch Bulgarien sich auf einer 2,5 mal größeren Fläche erstreckt, haben beide Länder doch etwa die selbe Einwohnerzahl von 7,5 Mio, und viele schwer zugängliche Bergregionen gemeinsam. Während in unserem Nachbarland viele straßenbahnähnliche Bahnen diese auch von Touristen besuchten Regionen erschließen, gibt es in Bulgarien nur noch eine einzige Schmalspurbahn. Auf 760 Millimeter Spurweite bringt sie ihre Fahrgäste in 4 Stunden auf gerade einmal 120 Kilometern von Septemvri über Velingrad und von muslimischen Pomakken bewohnte Siedlungen in das boomende Wintersportgebiet um Bansko.

Doch Besserung ist in weiter Ferne. Statt dessen sollen mit tatkräftiger Finanzhilfe der EU bis zum Jahr 2013 über 1,8 Mrd Euro in den Aus- und vor allem Neubau von insgesamt 4 Autobahnkorridoren quer durch das Land ausgegeben werden. Bulgarien wird davon 1/3 beisteuern. Diese Subventionen, die üblicherweise positiv als Investition deklariert werden, verzerren massiv die Wirtschaft und nutzen vor allem dem anschwellenden schweren LKW-Transitverkehr aus der Türkei und Griechenland. Auch der immer wieder angeführte Zusammenhang, dass das erwünschte Wirtschaftswachstum nur durch Verkehrswachstum erreicht werden kann, wurde bisher nirgends bewiesenen. Im Gegenzug trägt die Allgemeinheit die Last, da der Strassenverkehr nur für 40 bis 80 % seiner wahren Kosten aufkommt. Da sind sich Wirtschaftsprofessoren, Umweltschützer und Autoclubs einig.

Warum also um alles in der Welt muss Bulgarien nun die Planungssünden der alten EU-Staaten aus den 60er Jahren bis in die Gegenwart wiederholen? Wie viele Autofahrer werden wohl Freude an diesen teuren Autobahnen haben, die zwar nach allen aktuellen Regeln der Ingenieurskunst meist von Tochterunternehmen österreichischer Baufirmen errichtet werden, gleichzeitig aber großflächig die bisher unberührte, ruhige und kostbare Natur durchschneiden? Und wie viel mehr der 30% Auto besitzenden, wie viel mehr der Bus fahrenden Bulgaren quälen sich auch weiterhin über die für ihr tägliches Leben viel bedeutenderen Stadt- und Landstraßen mit kopfgroßen Schlaglöchern? Für deren dringende flächendeckende Reperatur wird auch weiterhin das Geld fehlen. Nicht umsonst sagen Spötter, dass in Bulgarien zwar Rechtsverkehr gälte, die Leute aber beim ersten Schlagloch nach links wechselten.

Deswegen ist wohl auch nur in der verschlafenen Donauhafenstadt Lom ein erwähnenswerter Fahrradverkehr zu beobachten, während überall sonst die Radfahrer ihren täglichen Überlebenskampf gegen wildgewordene Auto- und Taxifahrer aufgegeben zu haben scheinen. Als Rache fahren die wenigen Verbliebenen dann schon mal auf der vierspurigen Straße am Rand in die entgegengesetzte Richtung.

Nur die Fußgänger lassen sich von all dem nicht beeindrucken. Wie seit Alters bummelt man mit Freunden durch die Zentren, weicht zielsicher Fallgruben im Dunkeln aus, nimmt rote Männchen nicht ernst und Wildparker als Ausdruck der Moderne gelassen hin.

All das wird einem normalen Schwarzmeertouristen verborgen bleiben. Die Reise ins Landesinnere lohnt sich. Aber bitte nicht mit dem Flugzeug anreisen, Ihr wisst schon: Klimakatastrophe.